Sonntag, 8. juni 2008
Violett leuchtete der flaschenförmige Gletscher und zeigte mit kargem Licht den Weg zum Nachtlager. Vor vielen vielen abertausenden von Jahren da lebte einmal eine Sippe von Eiszeitbewohnern bei dieser verspielten Flussbiegung beim Hügel neben dem dunkelgrünen Tannenwald und dem frostigen Gletscher. Der Gletscher ruhte gemächlich in seinem stolzen, tiefdunkelblauen glänzenden Antlitz seiner wuchtigen Masse und trotze allen Winden und Stürmen. Die Sippe lebte den Umständen entsprechend gut, doch auch karg und musste sich tagtäglich ihrem harten und verbitterten Überlebenskampf stellen.

Die mammutfelltragenden und birkenrinden-zermalmenden Eiszeitbewohner hiessen Elch, Säbelzahntiger oder Wolf. Der behaarte Sippenleiter der 50-köpfigen Kommune hiess "Grosser Fels". Er war bärenstark und fällte mit blossen Händen uralte fünf Meter breite Buchen, so wie man Zahnstocher zerknickt. Und nicht selten schnappte er sich auf freier Wildbahn einen knusperigen Bären für den Nachtisch.

Er war ein stolzer Sippenführer. Es war auch eine sehr harte Arbeit. Damals bei den Neuwahlen für den neuen Sippenleiter konnte er seine haarigen Eiszeitbewohner folgendermassen überzeugen. Er klettere auf den fünf Meter hohen Felsen, welcher nahe von den Höhlen lag. Er stand kämpferisch in der Sonne und knirschte mit den Zähnen. Er stampfte wild um sich, dass der stickig braune Staub aufwirbelte, bis der Horizont sich schwarz verfärbte. Dann grunzte er wie ein Auerochse zur Brunftzeit:

"So höret hin meine Wähler und Wählerinnen!!!
Ich will euer neuer Sippenleiter sein. Ich werde euch neue Brombeersträucher bescheren. Ich will mit euch die Eichhörnchen besiegen und einen Mammutstreichelzoo einrichten. Und ich will mit meinem Speer und meiner Muskelkraft uns allen zu Reichtum verhelfen. Dank mir werden wir unser Gebiet verteidigen und vergrössern. Wählt mich. Oh so sei es oh Schicksal! Oh wählet mich!"

Die Meute war natürlich begeistert. Anstatt zu klatschen hauten sie ihre feuersteinbehafteten Keulen in den Boden und grunzten ekstasisch bis spät in die Nacht hinein, wo nur noch die saftige silberige Mondfrucht karges Licht durch die Wolken spendete.

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